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Merkelgähnt

Der EU-Wahlkampf. Im Schlafwagen nach Brüssel.

Irgendwie zäh das Ganze. Etwas zu bilanzieren, das kaum stattfindet ist nicht ganz einfach. Noch schwieriger wird es, wenn man die Inhaltsleere dieses Wahlkampfes berücksichtigt. Es geht kaum um Sachthemen, es stehen mehr die Platzierungswetten im Mittelpunkt. Kann Karas Platz 1 für die ÖVP halten oder wird die SPÖ mit ihrem Autobusgesicht Platz 1 holen können? Werden NEOS oder Grüne im Kampf um Platz 4 die Oberhand behalten? Die einzig wirklich richtige Antwort auf diese Fragen aus gesamteuropäischer Sicht: Conchita! Es ist nämlich völlig wurscht.

Ist Karas OK oder geht er KO und reißt damit Neuwirth-Gratulant Spindelegger mit in den Abgrund? Karas wirkte in TV-Diskussionen noch hölzerner als sonst, fast verloren irgendwie. Er kennt den starken VP-Trend und dieser Trend zeigt nach unten. Dafür kann Karas nur bedingt etwas. Der Bundestrend ist „dank“ der schlechten Performance von Michael Spindelegger stärker als es die Marke Karas je sein könnte. Die Strategie großteils einen VP-freien Wahlkampf zu führen ist schon richtig, nur kommt der Wahlkampf von Karas nicht so richtig vom Fleck. Er ist eh brav, eh bemüht und sicher total fleißig. Aber eben fader als er fleißig sein kann. Und das kommt nun mal nicht so optimal, wenn man weiß, dass es Emotion in einem Wahlkampf braucht, um mobilisieren zu können. Die VP wird auf jeden Fall deutlich verlieren, wie hoch ist schwer abzuschätzen. Einige Landesparteien haben noch nicht mitbekommen, dass es einen Wahlkampf zu schlagen gilt oder halten sich nobel zurück. Karas kann einem Leid tun. Mitleid als Wahlmotiv ist, wenig erforscht, mit Sicherheit nicht der Bringer.

Eugen Freund ist eine Fehlentscheidung. Eugen Freunds Wandlung, die dazu führt, dass er nur noch inhaltsleeren Parteisprech von sich gibt ist nicht zu ertragen. Seine Ausrutscher sind legendär, aber: die SPÖ war klug genug ihn sofort zu verstecken und nur noch auf geriatrischen Veranstaltungen auftreten zu lassen. Da helfen die Edelseer mit ihrer Schunkelmusik mehr, als es jede politische Aussage tun kann. Trotzdem hat Freund die Chance auf Platz 1, weil die SPÖ ihren Fokus auf die Mobilisierung der Alten gelegt hat. Konsequent, richtig und erfolgsträchtig – Junge und Denkende können mit der klaffenden Lücke zwischen Anspruch und Realität nichts anfangen. „Sozial statt egal“ ist an Debilität eigentlich kaum zu überbieten, aber im Zweifel kriegt Faymann das auch noch hin. Die Fleisch gewordene Dauerpanne Heinisch-Hosek wird wohl keine wahlentscheidende Rolle spielen. Die SPÖ wird nur noch von jenen gewählt, deren Kraft nicht mehr ausreicht den Kugelschreiber auf ein anderes Feld am Wahlzettel zu bewegen. Und das sind noch immer genug. Das Autobusgesicht hat nicht einmal schlechte Chancen zu obsiegen. Dann wird er nach Brüssel gehen. Oder nach Straßburg. Jedenfalls dorthin, wo man mehr verdient als ein Freundscher Arbeiter durchschnittlich verdient.

Vilimsky. Mit dem Charme eines Versicherungskeilers trampelt er im Auftrag seinen Herrn durch die Polit-Landschaft. Und Österreicher mögen keine Versicherungskeiler. Was aber egal ist. Weil FPÖ-Wähler ohnehin den Meister persönlich wählen. Und der Meister heißt nun mal Strache. Blöd für Meister Strache, dass nicht der schwarze Karas, sondern der Schwarze Alaba ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Der geschickt agierende Deutschnationale Mölzer hat es übertrieben. Doch nicht die linkslinke Jagdgesellschaft hat ihn mithilfe der political correctness, der Freimauer und des Weltjudentums zur Strecke gebracht, nein!, es war eine „freie“ Entscheidung, großartig. Kein Rückzug. Aufgeben tut man nicht. Das hätte Mölzer sicher auch Generalfeldmarschall Paulus als Ratschlag mitgegeben. In Stalingrad. Für die FPÖ hätte die EU-Wahl so schön laufen können, nun wirds eher ein „Naja, eh“-Ergebnis um die 20%, weil die FPÖ sich traditionell schwer tut ihre Wähler bei EU-Wahlen mobilisieren zu können. Daher ist es auch die einzig richtige Strategie aus FPÖ-Sicht diese Wahl zu einer „Denkzettelwahl“ zu machen. Mal schauen. Grauslich, so oder so.

Schweinderl, Käferl, Schaferln, nur Katzerln gabs keine. Nein, nicht von Alf Poier ist die Rede, sondern von den Grünen. Die haben sowieso ein Problem. Sie haben auch eine Meisterin vorne stehen. Im Versteckenspielen war Ulrike Lunacek in ihrer Kindheit sicher ungeschlagen. Sie hat es geschafft nach 5 Jahren im EU-Parlament noch immer unentdeckt zu bleiben. Luna, wer? Auf Platz 2 mein Freund Michel Reimon, den ich schätze (der Transparenz wegen: und auch mit Vorzugsstimme gewählt habe), aber den man auch nicht kennt. Also muss auf den Plakaten Glawischig herhalten und eben wieder die Viecherln. Ein Schwein war auch plakatiert. Und Ernst Strasser. Darüber streiten die Grünen jetzt intern wie die Wildschweine. Und das Jugendmagazin regt auch auf. Und die Kurzvideos. Und sowieso. Die Grünen haben wieder zu sich gefunden, sie beschäftigen sich mehr mit sich selbst, als mit ihrem Wahlkampf. Eigentlich hätte ich gedacht, dass sie diese Phase überwunden hätten, denkste. Mit „Zurück zu den Wurzeln“, das einige fordern, war aber eher eine Radikalisierung und mehr Mut gefordert und nicht das Zurück zu kleinlichen, internen Streitereien. Und die Tierschutz-Madeleine aus Niederösterreich versucht jetzt mit Geld der niederösterreichischen Landespartei einen Vorzugsstimmenwahlkampf. Es wird beim Versuch bleiben. Irgendwie hatschert das Ganze. Schuld daran –wie immer bei den Grünen- ist nicht der politische Gegner, sondern man selbst. Aber erklärt das mal einem Haufen von Individualisten, wo jede/r alles kann.

Die NEOS haben mit Angelika Mlinar eine Frau an der Spitze die wirkt als wäre sie eine russische Oligarchengattin. „Eure Armut kotzt mich an“ kommt irgendwie auf der Meta-Ebene rüber. Und Oligarchengattinen trinken natürlich Schampus lieber als Wasser, also kann man das ruhig privatisieren. „Über den Tellerrand“ schauen sie also. Die NEOS versuchen allen zu gefallen, ja nicht anecken lautet die Devise. Das lässt sich aber nicht durchhalten. Die Kampagne ist schwach, der Bundestrend aber noch stark genug für ein deutlich besseres Ergebnis als bei den Nationalratswahlen. Das Hauptproblem der NEOS: die Umfragen. Bei 9% wäre wohl alle enttäuscht, obwohl man um mehr als 3% zugelegt hätte. Erwartungsmanagement. Egal. Am 26.5. wird Frau Mlinar die Flügerl heben und Richtung Brüssel abheben. Gut für Strolz, der damit ein Problem weniger am Hals hat.

„Europa anders“ ist für mich die positivste Erscheinung des Wahlkampfes. Kein Geld, aber reichlich Hirnschmalz und Aktionismus um aufzufallen und ein Spitzenkandidat, der trotz bunter Vergangenheit authentisch rüberkommt und kluge Aussagen tätigt. Eine Art NEOS-Spirit gepaart mit Themen, die sozialdemokratischer nicht sein könnten. Gut möglich, dass wir hier die Geburtsstunde einer neuen Linken miterleben. Vielleicht erleben wir hier eine Überraschung.

BZÖ. Werthmann in der Zib2 anschauen, das reicht. Leichenschändung eigentlich.

REKOS. Das Maschinengewehr Gottes hat Ladehemmung.

Fazit: Die österreichischen Parteien haben es geschafft! Brüssel ist endlich so bedeutungslos in den Augen der Menschen geworden wie Brüssel es in den Augen der meisten Politiker immer schon gewesen ist. Muthgasse und Fellner haben wieder gut verdient und allzu viel wird sich nicht ändern. Weil Veränderung nun mal nicht österreichisch ist.

P.S. Schulz vs Juncker hat in der schwächsten Phase des Duells mehr Niveau als österreichische Duelle in der besten Phase. Und ja, natürlich gibt es sie, die europäischen Themen. Aber pssst. Das sagen wir keinem, sonst funktioniert das österreichische Spiel ja nicht mehr. “Das Gute machen wir selbst, das Schlechte kommt aus Brüssel.” Vielleicht sollte man den Menschen irgendwann erklären, dass es die europäischen Regierungschefs sind, die diese EU regieren und nicht das Parlament. Dann würde man sich die Frage stellen, warum die tollen Regierungschefs nur in Brüssel schlechte Entscheidungen treffen und daheim nur gute. Und irgendwann käme die Wahrheit ans Licht: mittelmäßig, egal ob auswärts oder daheim.

Schiffbruch

Lampedusa – Eine kleine Geschichte

Es war mein 20. Geburtstag. Wir saßen in unserem Haus. Meine Mutter, meine zwei jüngeren Schwestern und ich. Wir hörten Vaters Lieblingsschallplatte. In unserer kargen Behausung war die Musik für uns die Möglichkeit unserer tristen Gegenwart für einige Momente zu entfliehen. Meine Mutter hatte mir zu meinem Geburtstag ein Bild geschenkt. Das Bild, das mein Vater ständig bei sich getragen hatte. Es war vergilbt, eingefasst in einen hölzernen Rahmen, das Glas war bereits gesprungen. Das Bild zeigt eine Szene aus der französischen Revolution und trägt den Titel “Die Erstürmung der Bastille”. Meine Mutter erzählte mir davon. Erzählte mir davon, dass einst auch in Europa Menschen unterdrückt wurden. Erzählte mir davon, dass sich die Menschen dann gegen ihre Unterdrücker erhoben und mit dem Schlachtruf “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!” ihre eigene Befreiung erzwangen. “Siehst Du. Und so war Dein Vater. Er wollte auch nicht länger unterdrückt werden. Er ist ein Held und als solchen musst Du ihn in Deinem Herzen für immer aufbewahren.” Mein Vater wurde vor einigen Jahren festgenommen, weil er es gewagt hatte ein Flugblatt zu verteilen. “Freiheit” stand darauf und einige Forderungen. Freie Wahlen, Pressefreiheit, Demonstrationsfreiheit, die Gleichstellung von Männern und Frauen, freie Medien und vieles mehr. Es war nachts als sie ihn holten. Zwei Wochen war er weg. Eines Tages stoppte ein Fahrzeug des Militärs in unserer Straße. Meine Mutter öffnete die Türe und zwei Soldaten brachten meinen Vater. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Sie hatten ihn gefoltert, so gut wie jeden Knochen gebrochen, sein Gesicht war zugeschwollen und blutverschmiert; er wimmerte. “Meine Platte, bitte.” stammelte er als die Soldaten weg waren. Meine Mutter legte seine Lieblingsplatte auf, zog ihn sachte aus und begann seine Wunden zu waschen. “Siehst Du, Frau. Ich lebe nur noch, weil ich ständig in meinem Geist diese wunderbare Musik hörte. Ist sie nicht erhebend? Steht sie nicht für Freiheit? Steht sie nicht für diese Zukunft, die wir uns alle wünschen?”. Man konnte ihn kaum verstehen. Er war sehr schwach. Ich war wütend. Wütend, weil er sich so in Gefahr begeben hatte. Und wütend auf die Soldaten. Am nächsten Morgen war er tot.

Die Geburtstagstorte war ein Stück Kuchen mit einer Kerze darauf. Ich schenkte sie natürlich meinen Schwestern. Plötzlich ohrenbetäubender Lärm. In unmittelbarer Umgebung musste wieder einmal eine Granate eingeschlagen haben. Vor Granaten hatten wir zwar Angst, wirkliche Panik hatten wir aber vor dem Giftgas. Man hörte immer wieder Geschichten, dass die Armee Giftgas einsetzen würde, wenn sie keine andere Möglichkeit sah ein verlorenes Gebiet zurückzugewinnen. In unserer Nachbarschaft waren viele Männer bereits gefallen. Und jetzt hatte mir das Regime auch noch meinen Geburtstag zerstört. Ich wollte raus, um nachzusehen was passiert war. Meine Mutter hielt meinen Arm: “Sohn, warte. In diesem Land gibt es keine Zukunft mehr. Ich kann nicht fliehen, die Mädchen brauchen mich und die beiden sind zu klein für diese Flucht. Aber Du kannst weg!” – “Weg, wohin? Ich kann Euch doch nicht im Stich lassen?”, antwortete ich. “Nach Europa. Dort gibt es all das, was sich Dein Vater für unser Land immer gewünscht hat. Ich habe unser gesamtes Geld genommen und noch etwas von Deinem Onkel bekommen. Damit habe ich einen Mann bezahlt, der Dich nach Europa bringen wird. Heute Nacht wird er Dich holen!”. “Aber ich kann nicht”… – “Du musst, mein Schatz. Für uns, für Deinen Vater.”

Drei Uhr morgens. Eine tagelange Odyssee begann. Fußmärsche, hunderte Kilometer zusammengepfercht in Klein-LKWs. Kontrollen. Bestechung. Ich hatte das Zeitgefühl verloren. Die Stimmung unter uns war merkwürdig. Hoffnung, Angst, Freude, Trauer über die Zurückgebliebenen. “Wenn wir einmal dort sind, dann holen wir die anderen irgendwann nach. Wir werden hart arbeiten und Geld haben.” Das war die Stimmung.

Plötzlich hielt der LKW. Man hatte uns gesagt, dass es die letzte Etappe sein würde. Ich hatte keine Ahnung in welchem Land wir waren. Ich sah das Meer. Es war schwarz. Der Mond strahlte. Der Geruch. Es roch nach Freiheit. Wir fielen uns in die Arme. Wir weinten vor Glück. Am Strand lag ein Schiff bereit. Hektisches Treiben. Wir waren bei weitem nicht die einzige Gruppe, die an dieser Überfahrt teilnahm. Es waren Hunderte.

Einige waren sich unsicher. “Das geht sich doch nicht aus. Das Schiff ist viel zu klein für so viele Leute. Was ist, wenn etwas passiert?”, rief einer. “Dann bleibst Du eben da”, rief ein anderer lachend. Und wir alle lachten. Zurückbleiben wollte niemand.

“Habt keine Angst. Die Überfahrt dauert nicht lange und das Meer ist ruhig heute Nacht.”, sprach einer der Männer, die wir für die Überfahrt bezahlt hatten. Er war nicht mit an Bord gegangen, es würden uns andere Männer in Europa in Empfang nehmen. Das Schiff war zum Bersten voll. Aber wir zwängten uns zusammen. Jeder von uns machte sich so klein wie es geht, damit alle Platz hatten.

Es ging los. Ich hatte drei Tage auf der Flucht nicht geschlafen. Ich drängte mich in eine Ecke und kaum war das Schiff auf offener See angelangt schlief ich im Stehen ein.

Plötzlich Panik. Schlaftrunken sah ich um mich. Irgendetwas dürfte passiert sein. “Da sind ein paar runtergefallen.”, rief einer. Es fühlte sich an wie eine Welle. Und dann ging alles ganz schnell. Das Schiff konnte die Last nicht mehr tragen und kenterte. Ich hatte irrsinniges Glück nicht unter das Schiff geraten zu sein. Kurz war alles ganz ruhig. Dann Schreie. Schreie nach Hilfe. Einige von uns konnten nicht schwimmen. Ich sah wie sich einige an anderen festklammerten und um ihr Leben rangen. Der eine, weil er nicht schwimmen konnte. Der andere, weil er nicht vom anderen mit in die Tiefe gerissen werden wollte. Ich hatte von meinem Vater schwimmen gelernt. Instinktiv dachte ich mir: Du musst mit Deinen Kräften sparsam umgehen, ganz ruhig bleiben, man wird uns retten. Europa muss schon sehr nah gewesen sein. Zwei Stunden lang passierte einmal gar nichts. Ich hatte keine Probleme mich über Wasser zu halten, das Wasser war nicht wirklich kalt. Mein ganzes Gewand habe ich ausgezogen, nur das Bild von der Bastille hatte ich noch bei mir. Ich hatte es mir in die Unterhose gesteckt. Nasse Hosen und Schuhe kosten nämlich viel mehr Kraft. Dann hörte ich etwas. Ich sah ein Schiff. Oder irrte ich mich? Doch, es musste ein Schiff sein. Die Hilfe-Schreie kamen wieder auf. Ich dachte mir: das gibt es doch nicht, dass uns die nicht hören. Das Schiff schien zu halten. Es kam nicht näher, sondern blieb einfach liegen. “HILFE VERDAMMT!” Die Schreie wurden lauter. Ich sah einen Lichtkegel. Ein paar hundert Meter entfernt. Ich habe aufgehört zu schreien, da ich wusste, dass mich das nur unnötig Kraft kosten würde. Vielleicht hörte uns dieses Schiff nicht, aber sobald die ihre Fahrt fortsetzen würden, mussten sie ja zwangsläufig in unsere Richtung. Stunden vergingen. Oder waren es Minuten? Man verliert sein Zeitgefühl, wenn man um sein Leben kämpft. Ich spürte Panik in mir aufkommen. “Was, wenn die uns nicht retten würden?” schoss mir durch den Kopf. Ich schob den Gedanken wieder weg. Warum sollte man uns nicht helfen, dafür gibt es ja keinen vernünftigen Grund. Das Schiff war nicht mehr zu sehen.

Ein Stich. Ich spürte, das ich wohl einen Krampf im Bein bekommen würde. Jetzt hatte ich echte Angst. Mehr Angst als bei den Granateneinschlägen zuhause. Mehr Angst als jemals in meinem Leben zuvor. Ich musste mich beruhigen. Ich dachte an meinen Vater. Der Krampf wurde stärker, aber ich versuchte mich ruhig an der Oberfläche zu halten. Ich dachte an seine Lieblingsschallplatte. Mein Kopf war zwischendurch schon ein paar Mal unter Wasser und mit letzter Kraft gelang es mir noch einmal nach oben zu kommen. Ich hatte Höllenschmerzen. Diese Schallplatte war mein Lichtblick. Ich begann sein Lieblingsstück zu summen. Es wurde Blubbern daraus, jedes Mal wenn mein Kopf wieder kurzzeitig unter Wasser kam. Und wieder kämpfte ich mich hinauf. Und ich summte diese wunderbare Musik weiter. Unerlässlich. Immer lauter und lauter. Ich weinte dabei. Diese Musik sollte mir den Tod erträglich machen. Immer lauter und lauter summte ich Vaters Lieblingsstück. Dann sank ich. Und bis zum letzten Atemzug hatte ich seine Musik in meinem Herzen. Sie gab mir Hoffnung und nahm mir die Angst. Das Stück heißt übrigens: “Freude schöner Götterfunken”. Es ist die Hymne Europas.

Wien, 12.12.2013, Fiktive Geschichte