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Graz

Es war ein normaler Samstag. Hektisches Einkaufstreiben in der Grazer Innenstadt. Menschen flanieren durch die Herrengasse.

Ein Irrer rast durch die Stadt und tötet Menschen. Vorsätzlich. Ein vierjähriger Bub bezahlt das mit seinem Leben. Unschuldig. Mehr als 30 Verletzte, drei Tote, einige ringen noch um ihr Leben.

Es ist kaum zu ermessen, wie groß der Schmerz bei den Angehörigen sein muss. Niemand kann die Angst jener nachfühlen, die gestern um die Mittagszeit aus dem Nichts, Augen- und Ohrenzeugen der schrecklichen Wahnsinnstat wurden.

Wie geht man damit um, wenn man mit seinen Augen ansehen muss, wie jemand kaltblütig überfahren wird? Wie hilflos muss man sich fühlen, wenn man nichts tun kann.

Hunderte, wenn nicht Tausende Angehörige verbrachten bange Minuten, weil einer der Lieben zu diesem Zeitpunkt in Graz war und man Angst hatte, dass auch er/sie zu den Opfern gehört.

Aus dem Nichts. Und das Leben ist nie mehr so, wie es vorher war.

Die Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort war, glaubt man Medienberichten und sieht man die Bilder, riesengroß. Man hält zusammen, wenn etwas passiert.

Drei Tote, 34 Verletzte. Die Tat eines Irren.

Menschen flüchten hinter eine Säule, in Geschäfte, versuchen irgendwie diesem Irren zu entkommen. Mit Glück gelingt es vielen.

Es entscheiden wenige Meter über Leben und Tod.

In Syrien, im Irak, im Sudan sind es nicht Meter, die entscheiden. In diesen Ländern zieht kein Irrer mit seinem SUV durch die Gegend, sondern Horden von Zehntausenden, die wahllos die Bevölkerung niedermetzeln.

Drei Tote? Gibt es dort wahrscheinlich stündlich.

Aus dem Nichts. Hunderte werden zusammengetrieben und mit der Machete enthauptet, das Ganze wird noch gefilmt und zu Propagandazwecken ins Internet gestellt.

Wie groß muss die Angst jener sein, die in dieser Region leben in der Graz stündlich passiert. In der man nie sicher sein kann, ob man selbst oder seine Lieben nicht in der nächsten Stunde von Irren niedergemetzelt werden.

Wir fühlen mit den Opfern von Graz. Vielleicht schaffen wir es endlich mit den Hunderttausenden Opfern in Afrika mitzufühlen.

Es wäre höchst an der Zeit. Dann wäre unser Umgang ein Andere, es gäbe keine Hetze, keine Pauschalverurteilungen, sondern einfach nur unsere Herzen, die helfen wollen.

Es gäbe keine entwürdigenden Diskussionen, es gäbe keine Zelte. Es gäbe vielmehr das Problem, dass es zu viele angebotene Quartiere gäbe, weil wir mitfühlen mit diesen Menschen, die unmittelbar und ohne eigene Schuld mitten aus ihren Leben gerissen werden.

Würden wir jemandem einen Vorwurf machen, weil er sich vor dem Amok-Fahrer in Sicherheit brachte? Natürlich nicht, das wäre geisteskrank.

Warum werfen wir dann den Flüchtlingen aus Afrika vor, dass sie vor dem sicheren Tod flüchten?

Warum denken wir nicht daran, wie es diesen Menschen geht, die ihren Vater, ihre Mutter, ihre Kinder, ihre Eltern oder Freunde verloren haben? Warum haben wir keine Bereitschaft uns hineinzufühlen in Menschen, die Zeugen von Massakern wurden und diesen nur knapp entkamen?

Graz ist, wie jedes furchtbare Ereignis, auch eine Chance.

Die Chance, zu erkennen, dass wir uns falsch verhalten haben.

Räumen wir die Zelte weg, öffnen wir die vielen Häuser, die leer stehen und kümmern uns um jene, die es überlebt haben.

In jedem von uns steckt ein hilfsbereiter Grazer. Zeigen wir das endlich.