shitstorm

Analyse: Heinisch-Hosek im Scheißgewitter

Fotze!

Trampel!

Kuh!

Schleich Dich!

Nein, keine Momentaufnahme eines Tourette-Kranken, sondern Ausschnitte aus den Kommentaren zu einem Posting der Frauenministerin. Mehr als 15.000 Kommentare unter einem einzigen Foto. Rekordverdächtig. Zahl steigend. Ein Facebook-Post, das eine Reichweite von mehreren hunderttausend Usern auf Facebook erreicht. Und schon ist Heinisch-Hosek mittendrin im Scheißgewitter (copyright: Michael Fleischhacker).

Nein, es geht nicht um die Einsparungen in der Bildung. Es geht nicht um die Absage und Wiederaufnahme der PISA-Tests. Es geht auch nicht um ihren merkwürdigen Umgang mit Vertreterinnen der Parteijugend.

Nein, es geht um die Töchter-Söhne.

Weder Hypo, noch andere Sauereien der Regierung haben einen derartigen Shitstorm nach sich gezogen. Die Hypo kostet uns Zukunftschancen, fehlende Reformen die Chance auf eine Zukunft in Wohlstand. Das wird Auswirkungen auf jeden und jede von uns haben. Reaktionen? Eher bescheiden.

Was hat Heinisch-Hosek bzw. ihr Team falsch gemacht und wie hätten sie es machen müssen bzw. aus dem Scheißgewitter wieder rauskommen können? Und was sagt uns dieses Scheißgewitter über die Entwicklung in unserer Gesellschaft?

  1. Politiker erklären sich nicht mehr. Sie sind die monologartige Einwegkommunikation gewöhnt, sie interagieren nicht, sie begeben sich nicht auf Augenhöhe der Zuhörerschaft, sie kommunizieren ex- und nicht inklusiv, Nachfragen ist unerwünscht, die Kommunikation ist Produkt- und nicht Konsument_innen-orientiert. Sprich: Sie haben es schlicht versäumt, ihre Kommunikation an die Anforderungen des digitalen Zeitalters anzupassen. Das wissen wir aber nicht erst seit Heinisch-Hosek. Als Beispiel sei hier ihr unglücklicher Auftritt in der #Zib2 zu Einsparungen bei Ganztagsschulen erwähnt. Zu behaupten, dass alles besser wäre, weil man nun Geld nicht brauche, dass es aber gegeben hätte und man jetzt halt alles effizienter machen werde und es daher keine Leistungseinsparungen gäbe: das geht nicht rein.
  1. Punktuelle, unregelmäßige Social Media-Aktivität, die nicht authentisch ist, funktioniert nicht. Kann nicht funktionieren. Andrä Rupprechter zeigt vor, wie es geht. Er lässt sich ein auf das Abenteuer „Volkskontakt außerhalb des geschützten Bereichs“. Dass Heinisch-Hosek nicht gerade die beste Freundin des ungeplanten Kontaktes ist, hat sie beim Umgang mit SJ-Aktivistin Julia Herr eindrucksvoll gezeigt. Abgehobener geht es wohl kaum.
  1. Es brodelt da draußen. Der Grad der Aggression erschreckt. Der Hass macht wütend und betroffen zugleich. Doch er ist da. Ihn zu ignorieren macht keinen Sinn. Woher kommt er? Wie kann man ihn abbauen? DAS sind wichtige Fragen, derer sich Politik und Gesellschaft annehmen müssen. Grundlos ist dieser Hass nicht da. Es ist eine tiefe Unzufriedenheit, die sich entlädt. Jetzt bei Heinisch-Hosek, vielleicht morgen an irgendetwas anderem.
  1. Zum Posting selbst: Unglücklicher Text („Lernhilfe für Gabalier“), wirkt bevormundend. Muss als Provokation aufgefasst werden. „Wow! Erhalte wahnsinnig viele Reaktionen auf die Diskussion um die geänderte Bundeshymne. Würde mich interessieren, wer von Euch ein Problem damit hat, dass die Töchter jetzt auch Teil der Hymne sind? Und vor allem warum? Bitte postet Eure Meinung, sie ist mir wichtig.“ Was wäre passiert? Weniger? Wenig bis gar nichts? Schwer zu sagen, ich würde sagen: es wären keine 500 Postings geworden und wenn doch: die Tonalität wäre eine andere gewesen.
  1. Ein Shitstorm mit 15.000 Kommentaren ist auf der Kommentarseite nicht mehr zu managen. Das ist klar. Jetzt hat man zwei Möglichkeiten: Nichts tun, beten und hoffen, dass sich der Sturm legt. Er legt sich nur nicht. Oder: Man agiert offensiv und kommuniziert aktiv. Was ich ihr empfohlen hätte (sogar habe, Anm.): Rein mit offenem Visier in den Kampf. Ich habe geraten ein Video zu produzieren, Heinisch-Hosek solle einige Hass-Tweets vorlesen. (siehe dazu ein Beispiel aus Amerika hier). Dann offensiv fortsetzen, mit ernsthafter Miene, Überzeugung ausstrahlend: „Man sagt uns Politikern immer wir seien abgehoben. Es kann sein, dass das manchmal so wirkt und bei manchen auch stimmt. Meine Mitarbeiterinnen und ich betreiben diesen Facebook-Account, um in Kontakt mit Menschen zu treten. Um deren Meinung zu hören. Um Kritik und Anregungen zu bekommen. Um zu lernen. Voneinander zu lernen. Was sollen wir voneinander lernen, wenn wir uns hasserfüllt beschimpfen, nur weil wir unterschiedlicher Meinung sind? Würden Sie mit Ihrer Frau, Tochter, Mutter, Oma oder Nachbarin so reden? Der Nationalrat hat die Änderung der Bundeshymne beschlossen. Nun haben die Töchter, stellvertretend für alle Frauen dieses Landes, ihren Platz in der Bundeshymne. Das kann man gut oder schlecht finden. Und vielleicht hätte man in dieser Frage wirklich eine Volksabstimmung machen können. Das kann man alles diskutieren. Aber in einer Diskussion in gegenseitigem Respekt. Meine Damen und Herren: KEINE Beschimpfung und KEINE Drohung können mich von meiner Überzeugung abbringen, dass es höchste Zeit war, dass Frauen ihren Platz in der Bundeshymne bekommen haben. Wer ein Problem damit hat, sollte sich fragen, ob nicht er oder sie ein Problem mit Frauen hat. Und daher frage ich Sie: Warum sollen Frauen ihren Platz nicht in der Bundeshymne haben? Ich bin auf Ihre Antworten gespannt. Und bitte denken Sie immer daran: Auch Politiker sind Menschen. Menschen an denen so viel Hass und verletzende Worte nicht spurlos vorüber gehen. Aber ich weiß, dass es da draußen eine Mehrheit gibt, die das ablehnt. Töchter. Und Söhne.“
  1. Bei Vorgehen wie in Punkt 5 beschrieben wäre sie zur Heldin jener geworden, die den Shitstorm widerwärtig finden (auch bei mir, der aus prinzipiellen Gründen gegen die neue Form der Hymne ist).
  1. Die Politik hat ein Problem. Und damit wir alle.
  1. Ich bin Berater. Und helfe gegen Einwurf von Münzen gerne. Bekanntlich (fast) allen.   :-)
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Liebe ÖVP! Ich hab da eine Frage…

….wenn kleine und mittlere Einkommen entlastet werden sollen, dann werden das wohl nicht die kleinen und mittleren Einkommen bezahlen können, denn sonst wäre es ja keine Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen, die man ja entlasten will. Also bleiben nur große Einkommen oder eben (große) Vermögen. Die willst Du, liebe ÖVP, nicht belasten, weil die sind, Moment, Du begründest das auch nicht. Daher frage ich Dich, liebe ÖVP, wer wenn nicht große Einkommen und große Vermögen soll denn eine Entlastung bezahlen? Ah, Moment. Du, liebe ÖVP, sprichst ja immer davon, dass man das alles durch Reformen finanzieren könne. Aber: Liebe ÖVP, Du stellst den Finanzminister, Du stellst die wichtigsten Landeshauptleute, Du bist in Kammern mit absoluter Mehrheit an der Macht und wenn Du, liebe ÖVP, vor etwas mehr Angst hast als vor Conchita Wurst dann vor Reformen. Außerdem sprichst Du, liebe ÖVP, immer von Leistungsgerechtigkeit. Aber, liebe ÖVP, wie ist es dann möglich, dass Du Menschen, egal übrigens ob Arbeitnehmer- oder Unternehmer_innen, für ihr Engagement und ihre tägliche Arbeit bestrafst, während Du leistungslose Einkommen ungeschoren lässt. Und an Substanz wäre ja genug da. Liebe ÖVP, es gibt 82.800 Millionäre. Die überwiegende Mehrzahl hat geerbt bzw. ist nicht durch eigene Leistung dazu geworden, aber eine Erbschaftssteuer lehnst Du ja auch ab. Warum denn liebe ÖVP? Das weißt Du nur selbst, denn es gibt wohl keine gerechtere Steuer als die Erbschaftssteuer. Und dann hätte ich noch eine Frage: Warum bist Du so ein Feind der Mathematik, liebe ÖVP? Wie ich darauf komme? Du sprichst stets davon, dass eine Besteuerung von Substanz diese ja schrumpfen lasse und das komme nicht in Frage. Die Wahrheit, liebe ÖVP, schaut anders aus: Die Vermögen der Millionäre wachsen im Schnitt um 5,8% per anno, also selbst bei einer Besteuerung von sagen wir 2% per anno würden sie nicht schrumpfen. Die Realeinkommen stagnieren bzw. schrumpfen seit 20 Jahren. Die Menschen verlieren also. Vor allem jene, die bereit sind etwas zu leisten. Nun, es bleibt nur eine Frage: Wem dienst Du eigentlich, liebe ÖVP?