Herbsterwachen. Eine Geschichte aus einem Land ohne Namen

Das Land ohne Namen liegt eigentlich nicht einmal so schlecht. Inmitten von Bergen und geschmückt mit vielen Seen, zwar ohne Meerzugang, aber immerhin. Ein schönes Land. Und es hatte schon so viele Namen, dass man irgendwann beschloss ihm einfach keinen Namen mehr zu geben. Kein Wunder also, dass in diesem Land auch immer mehr Menschen begannen, ohne Identität zu leben. Bei manchen führte das so weit, dass schlichtweg Jahre aus dem Lebenslauf verschwanden und eigentlich niemand mehr genau wusste, wer jemand eigentlich wirklich ist.

In diesem Land funktionierte eigentlich jahrzehntelang alles wie am Schnürchen. Historisch bedingt gab es zwei gesellschaftliche Gruppen: die Verstaubten und die Aufsprecher. Auch wenn man sich ideologisch nicht unbedingt mochte, fand man schnell einen gemeinsamen Nenner: die proporzmässige Aufteilung des Landes. Ha! Und da wurde alles geteilt. Turn- und Sportvereine, Autofahrerklubs, Rettungsdienste, Staatsbetriebe, einfach alles. Schön war das. Irgendwann kamen dann die Rechtsüberholer als dritte nennenswerte Gruppe dazu. Ein ziemliches Erdbeben eigentlich. Und in der jüngeren Geschichte entwickelte sich eine eher unpolitische Gruppe, die sich des äußeren Auftreten wegens Jutesackträger nannte. Dann kam bei den Verstaubten einer auf die Idee, es doch mal mit den Rechtsüberholern zu versuchen.

Jahre später, der damalige Boss der Rechtsüberholer hatte einmal zu oft überholt und war nicht mehr unter den Lebenden zu finden, kamen Dinge ans Tageslicht, die das Land erschüttern sollten. Von den Rechtsüberholern hatte sich eine Gruppe abgespalten, die sich gar merkwürdig nannte: die Zukunftslosen. Nun.

Irgendwann kam aber heraus, dass hier ganz, ganz unanständige Dinge passiert sein mussten. Und zwar just in der Zeit, in der die Rechtsüberholer mit den Verstaubten gemeinsame Sache gemacht hatten. Die Menschen wussten ohnehin, dass alle Akteure nie zum Vorteil des Volkes agiert hatten. Aber: Die Menschen hatten zumindest das Vertrauen in eine gewisse Grundintelligenz, dass sie es -wenn schon- so machen würden, dass es wenigstens keiner merkt. Es war also unvermeidlich, dass dem Wunsch des Volkes nach Aufklärung Rechnung getragen werden musste.

Ein bestimmtes Thema kam auch auf die Agenda. Da ging es um Inserate. Der Chef der Aufsprecher, der größte Aufsprecher von allen im übrigen, war an die Macht gekommen, ohne dass jemand wusste, wie ihm das eigentlich gelang. Man wusste, dass er mit dem Herausgeber der “Dreckspost” befreundet war. Und auch mit der Familie, der die “Hetz” und “Vorgestern” gehörte. Nun lag folgender Verdacht nahe: Der Ober-Aufsprecher hatte Geld der Menschen benutzt, um sich damit die Gunst von “Hetz”, “Dreckspost” und “Vorgestern” zu erkaufen. Und das hatte er auf eine unglaublich smarte Art und Weise getan. Er hat einfach vom örtlichen Straßenbauhof und vom örtlichen Eisenbahnverein um Millionen Inserate -frei jeglichen Inhalts und Sinns- schalten lassen, um sich eben die erwähnte Gunst und das gewünschte Wohlwollen zu erkaufen. Der Ober-Aufsprecher war die coolste Sau im ganzen Land.

Er hatte einen Assistenten, den Weihnachtsmüller. Der Weihnachtsmüller hat alles getan was ihm der Ober-Aufsprecher so angeschafft hat. Und die beiden waren ein Team, wie es nach Dick und Doof lange keines mehr gegeben hatte. Sie vereinbarten im Namen des Bauhofes und des Eisenbahnvereines einfach Kooperationen mit “Hetz”, “Dreckspost” und “Vorgestern”, ohne die Obmänner bzw. Chefs zu informieren. Reicht ja im Nachhinein auch, dachten sie sich.

Nun hatte sich eine Jutesackträgerin aufgemacht dies aufzuklären. Aber nicht nur die beschriebenen Dinge. Auch die Geschäfte des örtlichen Handyshopbetreibers sollten durchleuchtet werden; denn da gab es den Verdacht, dass einige Verstaubte Kasse gemacht haben sollen. Und auch ein Post-Händler aus dem Umfeld der Aufsprecher war angeblich dabei gewesen.

Dazu wurde eine Art Ausschuss eingerichtet. Dort saßen sie also alle zusammen. Von jeder Gruppe mehr oder weniger einer, oder eine, oder mehr. Allesamt unauffällig. Nur ein Schwammerl und ein afrikanisch anmutender Zukunftsloser stachen ob ihrer schlechten Manieren ein wenig heraus.

Kaum ging es in Richtung Inseratenaffäre wurden die Aufsprecher unrund. Und so sagte man den Verstaubten, dass eine Vorladung des Ober-Aufsprechers schwere Konsequenzen hätte. Sogar von einer Neuqual war die Rede. Die Verstaubten waren nicht einig, wie nun zu verfahren sei. Einer der ihren, mit dem lustigen Namen Fuß, sah nun die Chance gekommen, den Aufsprechern endlich auch etwas umzuhängen.

Doch der Chef der Verstaubten wollte das nicht, einerseits stand ja die Drohung des Ober-Aufsprechers im Raum, andererseits wusste er um die Gefahr, die die Geschäfte des Handyshopbetreibers mit östlichen Destinationen mit sich brachten.

In einem Ort ohne Namen in den Bergen kam es zu einer Aussprache. Fast wäre Fuß dann seinen Job losgeworden, weil er partout aufklären wollte. Was aber fürchtete der Ober-Aufsprecher?

Der Ober-Aufsprecher hatte einen entscheidenden Vorteil: Die Chefs vom Bauhof und die Obleute des Eisenbahnvereines hatten eines übersehen: Sie selbst haben sich strafbar gemacht, weil sie die Deals des Ober-Aufsprechers und des Weihnachtsmüllers erst ex post bewilligt hatten. Eheliche Untreue ist im Land ohne Namen keine Straftat mehr. Untreue an sich aber schon.

Einer dieser Obermaxis hatte aber keine Angst davor und stand der aufklärenden Behörde voll und ganz aufklärend zur Verfügung. Er hat detailliert beschrieben wie das ganze Spiel gelaufen war. Dies wurde auch schriftlich veraktet. Und jetzt wusste der Ober-Aufsprecher: Sollte dieser Akt je im Ausschuss auftauchen wäre es mit seiner Herrschaft wohl vorbei. Ohne diesen Akt wäre es wohl genug gewesen, den Weihnachtsmüller als Bauernopfer zu schlachten, so aber stand nun sein persönliches Schicksal auf dem Spiel.

Also setzte der Ober-Aufsprecher alles in Bewegung. Die Typen des Bauhofs und des Eisenbahnvereines wurden eindringlichst von Gesandten des Ober-Aufsprechers darauf aufmerksam gemacht, dass sie selber mitten in der Scheiße stünden. Bei einigen zog das. Um es ihnen leichter zu machen, haben die Gesandten versprochen abseits üblicher Entlohnung und Abfindung kreative Sonderlösungen zu finden.

Der Ober-Aufsprecher hat öffentlich stets jegliche Kritik von sich gewiesen und tat dies in einer Art und Weise, die durchaus Bewunderung verdient. Natürlich sei er bereit mit allen zu sprechen und alles zu sagen, auch vor dem Ausschuss. Wissend, dass es nie so weit kommen sollte. Beim Wandern mit der Ober-Jutesackträgerin hat er dieser auch noch versichert, dass er das tun werde. Jetzt war die ganz schön enttäuscht vom Ober-Aufsprecher. Eine Zusammenarbeit nach der Neuqual auszuschliessen  wäre aber doch zuviel des Guten aus ihrer Sicht.

Die Chefin des Ausschuss wurde nun unter Beschuss genommen, weil sie einen Antrag verweigerte, der unter anderem vorsah, dass die Aktenlieferung beschränkt werden sollte. Auch eine Zeugenliste haben die Verstaubten, Aufsprecher, Rechtsüberholer und Zukunftslosen vorgelegt. Was ein Spaß! Bei den Ost-Geschäften des Handyshopbetreibers stand nur ein Zeuge auf der Liste, der gleichzeitig auch ein Verdächtiger war. Was hatten alle für einen Spaß. Bloß: der Ober-Aufsprecher war nicht auf der Liste zu finden.

Das Land ohne Namen versank also in der Korruption. Und der Ausschuss wäre eine Möglichkeit gewesen, den Hass den die Menschen den Politikern entgegenbringen zu besänftigen und wieder etwas Vertrauen in die Institutionen der Demokratie aufzubauen.

Denkste! Der Ober-Aufsprecher wurde zum Siebengeisslein ins Fernsehen geschickt. Siebengeisslein hat den Ober-Aufsprecher intensiv zu den Inseraten befragt, jedoch stand der Ober-Aufsprecher nicht unter Wahrheitspflicht. Kurze Zeit später ging einer der Aufsprecher, Johann Gnom, ins Fernsehen und erklärte: der Oberaufsprecher hat eh alles dem Siebengeisslein gesagt, das reicht eh.

Nun wurde es dem Ober-Aufsprecher zu heiß. Die Verstaubten wurden auf Linie gebracht und fürchteten Neuqualen wie der Teufel das Weihwasser. Warum, weiß keiner.

Also musste der U-Ausschuss eingestellt werden. Weil Macht wichtiger als Anstand und Machterhalt weit wichtiger als die Wiederherstellung des Vertrauens der Menschen ist.

Der reiche Onkel aus Übersee reibt sich schon die Hände. Auch Piratenschiffe stehen schon zur Eroberung des Landes ohne Namen bereit.

Und wenn nicht irgendwann den Menschen der Geduldsfaden reisst und sie diesem Treiben ein Ende bereiten, dann leben sie noch morgen.

ANMERKUNG DES AUTORS:

Natürlich sind Ähnlichkeiten mit lebenden und real existierenden Personen nicht gewollt und auch beschriebene Vorgänge rein satirisch überhöhte Erfindungen. Dies ist alleine dadurch schon ersichtlich, dass es in einem demokratischen Land undenkbar wäre, dass sich jemand an die Spitze des Staates inseriert, ein SPÖ-Klubobmann den Garten eines Hotels mit dem Parlament verwechselt oder nahezu die gesamte politische Klasse die eigene Bevölkerung verarscht.

 

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